Institutionalisierung der Zerrissenheit und invasive Preisgabe

„Die gängige sozialtheoretische Rede versteht „Integration“ immer nur als sozio-ökonomische Eingliederung in die Gesellschaft und ihre Arbeitsprozesse. Im Hintergund steht die gesellschaftstheoretische Preisgabe des Begriffs der Gemeinschaft, seine Reduktion auf den ahistorischen und atomistischen Begriff der „Gesellschaft“ (Hervorhebung von mir, M. P.) als bloßes Aggregat  von in ökonomischer Produktivität kollabierenden Einzelnen, die eben nichts weiter als Arbeitskräfte – und keine Menschen – sind: ein „Kollektiv“, Zusammengesammeltes. Der Begriff der Gemeinschaft impliziert dagegen eine geschichtliche Synthese, die eine Vielheit von Menschen zu einem Ganzen gemeinschaftlicher Verständnisse eint, das ein jeder als konstitutives Moment seiner Identität an sich hat, d.h. als ein Ethos gemeinschaftlich gelebten Weltverhältnisses lebt. „Akkulturierend“ aber kann eine Gemeinschaft nur kraft der positiven Selbstbejahung ihrer kulturgeschichtlichen Identität wirken; wo sie ihre geschichtliches Selbstbewusstsein verliert, bereitet sie der invasiven Migration das Feld. Ein Land ohne Selbstbewusstsein, ohne kulturgeschichtlichen Inhalt ist eine Territorium zum Gelderwerb: es entspricht dem neoliberalen Ideal einer rein konsumierenden Mehrheit, die sich an inhaltlosen und abstrakten „Werten“ ihren ideologischen Überbau gibt, der keinen Menschen mit wirklichem Leben füllen kann – sowenig wie das intelektuelle Hirngespinst eines „Verfassungspatriotismus“. Akkulturierende Integration ist etwas anderes – die Kraft der Gemeinschaftsbildung durch ein kulturgeschichtliches Selbstbewusstsein, das sie Zuwandernden von seiner menschlichen Wahrheit zu überzeugen weiß.

Im Gegensatz zur gemeinschaftsbildenden Kraft monotheistischer Religionen sind religionsprivative Gesellschaften – wie die europäischen- partikularisierend: Sie zerstäuben in die Vielfalt von Beliebigkeiten, weil sie über keine Einigungskraft mehr verfügen, die alle partikulären Tätigkeiten in einem transzendierenden Begriff menschlichen Daseins zentriert. Nicht der Islam ist die Gefahr Europas sondern der Verlust des eigenen kulturellen und geschichtlichen Selbstbewusstseins, das mit seinen pseudoreligiösen Surrogatwerten über kein ethische Fundament seines Weltverhaltens mehr verfügtalso ohne Akkulturierungsstärke integrationsschwach bleiben muss.

[…]

Migration ist keine notwendige Folge der faktischen Globalisierung, die ohnehin nur die technologische Vereinheitlichung des Globus und seiner Kapitalwirtschaft betrifft, sondern Resultat weltgesellschaftlicher Unverhältnisse, deren revolutionäre Potentiale nach außen abgeführt werden. Der Migrant folgt der impulsiven Imagination önonomischen Verlangens weitgehend besinnungslos über die Implikationen und Konsequenzen seines Handelns; an Identitächswechsel denkt er ebensowenig wie an die Neuordnung seiner geistigen Grundeinstellungen, die als kulturelle Habitualitäten ins Gastland mitimportiert werden und erst dort gesellschaftlich auffällig werden, wo sie sittlich anstößig oder strafrechtlich relevant werden. Zum revolutinären Potential ernötigter Emigration gehört eine elementare Aggressivität gegen die die politischen Verhältnisse der nur widerwillig verlassenen Heimat; aber indem diese in der Fremde zum Ort heimatlich-kultureller Sehnsucht verklärt wird, überträgt sich die Aggressivität des politisch verdrängten Unmuts auf das Gastland, und dies umso mehr, als die Selbstausgrenzung nach ihrer eigenen Legitimation sucht. Durch familiäre Binnensozialisation auf die nachfolgende Generation übertragen, entdeckt die zerrissene Seele daran nun ein günstiges Schema zu ihrer Selbstideologisierung, der die Schuldkultur europäischer Befindlichkeiten mit offenen Armen entgegenrennt: Dankbar nimmt die zerrissene Seele an, erklärt sich zum Opfer von Diskriminierungen, das zu jeder Form des Anklagens legitimiert ist, um seine Ansprüche in Rechte gegenüber der Aufnahmegesellschaft zu transformieren. Der schmerz der Zerrissenheit äußert sich in Wut und Hass und endet in der Verachtung aller Rechtsinstitutionen, von Polizei und Staat, gesellschaftlichen Lebensformen und Sitten, um sich daran selbst das Recht einer mehr oder minder außergesetzlichen Marginalexistenz zu verleihen. Die Selbstausgrenzung findet daran die Legitimationsbasis außergesetzlicher Lebensverhältnisse, die sich in Sozialbetrug, Schwarzarbeit und Korruption, Bandentum und organisierter Clankriminalität alternativgesellschaftlich dissoziieren. Die Reproduktion jener Unverhältnisse, die zur Emigration nötigten, ist in den aufnehmenden europäischen Rechtsstaaten als Import kultureller Habitualitäten eine Frucht jener sich nicht rechtsstaatlich akkulturierenden Selbstausgrenzung, die unter dem Schutzmantel der antidiskriminierenden Gleichschaltung aller kulturellen Eigenheiten jede Bildung in den neuzeitlichen Errungenschaften europäischer Kultur verweigert – sie also nur zu ihrer Selbstlegitimierung missbraucht. 

Indem die europäische Welt den Schwund ihre geschichtlichen Selbstbewusstseins zur Liberalität ihrer Verhältnisse verklärt und als geschichtslose Rechtsgleichheit aller menschen festsetzt, stellt sie selbst den Freibrief aus, alle ihre Grundlagen gegen sich selbst zu kehren. Mit der doppelten Staatsbürgerschaft verleiht sie der zerrissenen Seele auch noch das Attest ihrer Akkulturationsverweigerung als bürgerlichen Rechtsstatus; die gespaltene Identität wird zum legitimen Standard der Integrationsresistenz erklärt, die auf jede Gemeinschaftsbildung verzichtet. Was ist das anders, als das Eingeständnis, das personale Selbstsein eines Menschen nicht mehr orten zu können, mehr noch: darauf zu verzichten, dass er es selbst als Bildungsaufgabe seines Seins übernimmt? Stattdessen werden „Papierdeutsche“ zu doppelten Vorteilsnahmen erzeugt. Die Zerrissenheit der Seele wird zur staatsrechtlich erzeugten Schizophrenie, die im „Weder-noch“ & „Sowohl-als-auch“ keine Identität ausbilden kann, um ihre Lebenswirklichkeit konsistent zu gestalten. Damit aber spaltet sich der Staat selbst und seine Verantwortung, die er nur für einen halben Bürger und für einen ganzen Menschen überhaupt nicht wahrnehmen kann. Es wird dann in der Tat zu einer bloßen Nebensache, ob man den religiösen Symbolen des Islams dieselben Rechte zugesteht wie den christlichen […] und klassische Unterrichtsfächer europäischer Geisteskultur durch Islamunterricht ersetzt werden – wie in Frankreich. Die Akkulturation kehrt sich aus geschichtlicher Kulturschwäche um in eine solche der Aufnahmegesellschaft: Es ist ihre Einwilligung zur invasiven Preisgabe ihrer geschichtlichen Identität, die sie sich im Geschichtsprozess von Jahrtausenden erkämpft hat.“

Rudolf Brandner: Migration und Integration, in: TUMULT, Vierteljahresschrift für Konsensstörung Nr. 04/2017, S. 35-36

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