Leiden an der Heimat

Ein Begriff macht Karriere. Die inflationäre Verwendung des Wortes Rassismus in den Medien sagt zunehmend weniger über dessen wirkliches Vorkommen, als vielmehr über die gestiegene Bereitschaft seiner Verwender aus, nicht mehr diskutieren zu wollen. Die Absolutheit der Anklage unterstellt jeder Rückfrage bereits latente Diskriminierung. Begründungen stören, wo nur prozessiert werden soll. Özil zog es nach seinem Vorwurfsmonolog vor, zu schweigen, wie er es zuvor stets gemacht hatte und auch die #meTwo-Wüteriche sind nach ihren aufmerksamkeitsheischenden Sekundenaufschreien im Netz wieder in ihre alltäglichen Echokammern zurückgekehrt. Das Gespräch, das niemals eins war, ist wieder beendet. Die Selbstausgrenzung (R. Brandner) wird wieder aufgenommen.

Dabei hätte sich hier ein Anlass geboten, darüber zu sprechen, was falsch läuft. Der einst mit dem Integrationsbambi ausgezeichnete, wenngleich, wie er eingestand, sich bis heute in der deutschen Sprache fremd fühlende Fußballer, die Erdogan wählende Mehrheit in dritter und vierter Generation hier lebender Deutschtürken, die der Mehrheitsgesellschaft strukturellen (teilweise sogar kollektiven) Alltagsrassismus zuschreibenden Jungmigranten – Beispiele verlorener Söhne und einer ausgebliebenen Rückkehr ins Vaterhaus. Was aber haben die Eltern falsch gemacht?

Zu selten ins Licht gerät die Verantwortung dieses Landes bei der Suche nach Gründen der emotionalen Verwahrlosung der hier lebenden Migranten. Integration als hauptsächlich administrative, sozial-, bildungs- und wirtschaftstheoretische Aufgabe missverstanden zu haben – das ist wohl der größte nationale Irrtum seit Gründung der BRD und zugleich eine wohl zu schwere Hypothek im Zeitalter der Krise des Nationalstaats. Dabei geht es nicht nur um ein nicht-Wollen, sondern zunehmend auch um das nicht-Können. Konservativer Unwille, weil die ja alle bald wieder gehen und linker Verzicht, weil alle das gleiche Recht haben nebeneinander auf ihre Weise zu leben, sind zwei Seiten eines Missverständnisses. Das Fehlen eines positiv belegten nationalen Narrativs, einer emotional anrührenden gemeinschaftsstiftenden Erzählung, die mehr wäre als das routinemäßige Zitieren eines blutleeren Verfassungspatriotismus, die solcherweise habituell gewordene Unfähigkeit, ein positives Selbstbild zu entwickeln, gerade auch gegenüber und für Migranten, ist eine, wenn nicht die größte kulturelle Bürde dieses Landes. Hier ist Deutschland emotional verwaistes Kaltland. Jede Identifikation mit Nationalität ist umstellt von dem Verweis auf die erbschuldbelastete Geschichte sowie die Priorität einer distanzierend-reflektiven Gedenkkultur, die das nationale Scheitern und die geschichtliche Schuld als Instanzen jeglicher weiterer Rede von Patriotismus gegen ihn ins Recht setzt.

Symptome für das verschämt-prekäre Verhältnis zu sich selbst, ja dem Fehlen einer Wahrnehmung des nationale Eigenen als Bewahrenswerten  gibt es unzählige, sie fallen in ihrer etablierten Routine nur kaum mehr auf. Von der einen Großteil in den Geschichtsbüchern der Mittelstufe bis zum Abitur einnehmenden Behandlung des Zeitraums von Weimarer Republik bis zur Kapitulationserklärung, der mittlerweile gesellschaftlich kollektiv versagten Anerkennung des Militärs als Dienst am Gemeinwohl,  dem unübersehbaren Fehlen nationaler Repräsentationssmbole im Alltag, der selbstgefällig-zeitgemäßen Etablierung eines Schulkultur in selbstkritischer Abgrenzung zum Nationalen durch Konzepte wie Schule gegen Rassismus oder Europaschule bis hin zum nach wie über den Status der Planung nicht herausgekommenen Einheitsdenkmal – ganz im Gegensatz zu den fünf verschiedenen alleine im letzten Jahrzehnt errichteten Denkmäler für homosexuelle Opfer des NS-Diktatur. Das Verhältnis zum Eigenen bleibt heikel und unangenehm. Und vielleicht findet der kollektive Rausch (2018 ausgenommen), den Weltmeisterschaften in diesem Land regelmäßig zu entfachen verstehen, gerade hierin seine tiefere Erklärung: in der unverhofften, weil andernfalls stets unter Verdacht stehenden Lizenz zu nationalem Überschwang, Gemeinschaft einmal naiv und fern jenes fragilen, stets vorgegebenen reflexivem Referenzrahmens erleben zu dürfen. Das unversehens auftretende Glück eines sich kaum mehr als solches sich wahrnehmenden nationalen Kollektivs.

Hiermit kann keiner Relativierung des Gedenkens geschichtlicher Verantwortung als währender Verpflichtung das Wort gesprochen werden; aber eine kritische Anfrage an die einseitige Pflege eines nationalen Selbstbildes, das, gerade in Zeiten von ununterbrochener Migration und täglich scheiternder Integration, vielleicht stärker als je zuvor einen optimistischen und zukunftsträchtigen Inhalt haben müsste. Die abgekühlte, auf jede Affirmation verzichtende, in ständiger Distanzierung zu sich selbst daherkommende deutsche Identität vermag keinen neu Hinzukommenden von sich einzunehmen, vielmehr ist sie dazu angetan jene vielen, die über kurz oder lang keine Integrationsgewinnler mittels Bildung und sozialer Teilhabe geworden sein werden, desinteressiert und teilnahmslos, vielleicht sogar ressentimentgeladen und hasserfüllt ob der vielen enttäuschten Erwartungen an die sie herbeigerufene Aufnahmegesellschaft, im Abseits stehen zu lassen. In was sollte man sich sich integrieren wollen, auf was stolz sein, wenn schon die länger hier Lebenden jedem kollektiv Eigenem mit Entfremdung, nicht selten gar Selbsthass begegnen. Ablehnung, Selbstausgrenzung und Rückzug in die Bindungen der emotionaleren Halt versprechenden heimatlichen Wurzeln – oftmals des Islams – wären die Folge. Eine schuldfixierte, ihr Selbstbild aus unablässiger Selbstkritik ziehende Gesellschaft, die nicht weiß, wer sie sein will, reproduziert so immerfort, vor allem bei den nach Antworten auf ihr entwurzeltes Sein fragenden Hinzugekommenen jene Ablehnung, die sie unter Inkaufnahme des Verlusts des Eigenen unbedingt verhindern wollte. Wie wenig hilfreich hierbei der oft beschworene Gründungsmythos von Ausschwitz ist, zeigt sich spätestens jetzt:

„Wenn der Islam zu Deutschland und Ausschwitz zur deutschen Identität gehört, dann gehört Ausschwitz zur Identität der Muslime, die zu Deutschland gehören. „ (R. Brandner)

Zuweilen, wenn sich Bürgers Wille über zuviel Unvorhergesehenes und Zugemutetes regt, scheint die Politik zumindest noch zu ahnen, dass Heimat mehr sein kann als der Zufall des Geburtsortes und reagiert – mit der Gründung eines Heimatministeriums. Hilfloser Versuch einer Antwort, die jüngere Politiker wie Habeck bereits gar nicht mehr zu geben fähig sind. Gegenteilige Versuche, den Begriff der Heimat zu retten, ihn zukunftsträchtig und in bewusster Abgrenzung zur allenthalben gepflegten geschichts- und schuldorientierten Norm verstehen zu wollen, müssen, dies zeigen jüngere Beispiele, scheitern. Eben hieraus aber ließe sich, ohne die Unsäglichkeit der konkreten Formulierungen Gaulands und Höckes in Frage zu stellen, eine bedenkenswerte Einsicht finden: in Zeiten von Migration bedarf es mehr denn je eines positiv besetzten nationalen Narrativs. Die sich zunehmend atomisierende Gesellschaft wird zerfallen, der Staat nicht zukunftsfähig sein, wenn dies nicht gelingt. Die regelmäßig aufbrandenden Debatten sind bereits dessen Vorboten.

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