Leiden an der Heimat

Ein Begriff macht Karriere. Die inflationäre Verwendung des Wortes Rassismus in den sagt zunehmend weniger über dessen wirkliches Vorkommen, als vielmehr über die gestiegene Bereitschaft seiner Verwender aus, nicht mehr diskutieren zu wollen. Die Absolutheit der Anklage unterstellt jeder Rückfrage bereits latente Diskriminierung. Begründungen stören, wo nur prozessiert werden soll. Özil zog es nach seinem Vorwurfsmonolog vor, zu schweigen, wie er es zuvor stets gemacht hatte und auch die #meTwo-Wüteriche sind nach ihren aufmerksamkeitsheischenden Sekundenaufschreien im Netz wieder in ihre alltäglichen Echokammern zurückgekehrt. Das Gespräch, das niemals eins war, ist wieder beendet. Die Selbstausgrenzung (R. Brandner) wird wieder aufgenommen.

Dabei hätte sich hier ein Anlass geboten, darüber zu sprechen, was falsch läuft. Der einst mit dem Integrationsbambi ausgezeichnete, wenngleich, wie er eingestand, sich bis heute in der deutschen Sprache fremd fühlende Fußballer, die Erdogan wählende Mehrheit in dritter und vierter Generation hier lebender Deutschtürken, die der Mehrheitsgesellschaft strukturellen (teilweise sogar kollektiven) Alltagsrassismus zuschreibenden Jungmigranten – Beispiele verlorener Söhne und einer ausgebliebenen Rückkehr ins Vaterhaus. Was aber haben die Eltern falsch gemacht?

Zu selten ins Licht gerät die Verantwortung dieses Landes bei der Suche nach Gründen der emotionalen Verwahrlosung der hier lebenden Migranten. Integration als hauptsächlich administrative, sozial-, bildungs- und wirtschaftstheoretische Aufgabe missverstanden zu haben – das ist wohl der größte nationale Irrtum seit Gründung der BRD und zugleich eine schwere Hypothek im Zeitalter der Krise des Nationalstaats. Dabei geht es nicht nur um ein nicht-Wollen, sondern zunehmend auch um das nicht-Können. Konservativer Unwille, weil die ja alle bald wieder gehen und linker Verzicht, weil alle das gleiche Recht haben nebeneinander auf ihre Weise zu leben, sind zwei Seiten eines Missverständnisses. Das Fehlen eines positiv belegten nationalen Narrativs, einer emotional anrührenden gemeinschaftsstiftenden Erzählung, die mehr wäre als das routinemäßige Zitieren eines blutleeren Verfassungspatriotismus, die solcherweise habituell gewordene Unfähigkeit, ein positives Selbstbild zu entwickeln, gerade auch gegenüber und für Migranten, ist eine, wenn nicht die größte kulturelle Bürde dieses Landes. Hier ist Deutschland emotional verwaistes Kaltland. Jede Identifikation mit Nationalität ist umstellt von dem Verweis auf die erbschuldbelastete Geschichte sowie die Priorität einer distanzierend-reflektiven Gedenkkultur, die das nationale Scheitern und die geschichtliche Schuld als Instanzen jeglicher weiterer Rede von Patriotismus gegen ihn ins Recht setzt.

Symptome für das verschämt-prekäre Verhältnis zu sich selbst, ja dem Fehlen einer Wahrnehmung des nationale Eigenen als Bewahrenswerten  gibt es unzählige, sie fallen in ihrer etablierten Routine nur kaum mehr auf. Von der einen Großteil in den Geschichtsbüchern der Mittelstufe bis zum Abitur einnehmenden Behandlung des Zeitraums von Weimarer Republik bis zur Kapitulationserklärung, der mittlerweile gesellschaftlich kollektiv versagten Anerkennung des Militärs als Dienst am Gemeinwohl,  dem unübersehbaren Fehlen nationaler Repräsentationssmbole im Alltag, der selbstgefällig-zeitgemäßen Etablierung eines Schulkultur in selbstkritischer Abgrenzung zum Nationalen durch Konzepte wie Schule gegen Rassismus oder Europaschule bis hin zum nach wie über den Status der Planung nicht herausgekommenen Einheitsdenkmal – ganz im Gegensatz zu den fünf verschiedenen alleine im letzten Jahrzehnt errichteten Denkmäler für homosexuelle Opfer des NS-Diktatur. Das Verhältnis zum Eigenen bleibt heikel und unangenehm. Und vielleicht findet der kollektive Rausch (2018 ausgenommen), den Weltmeisterschaften in diesem Land regelmäßig zu entfachen verstehen, gerade hierin seine tiefere Erklärung: in der unverhofften, weil andernfalls stets unter Verdacht stehenden Lizenz zu nationalem Überschwang, Gemeinschaft einmal naiv und fern jenes fragilen, stets vorgegebenen reflexivem Referenzrahmens erleben zu dürfen. Das unversehens auftretende Glück eines nationalen Kollektivs.

Hiermit kann keiner Relativierung des Gedenkens geschichtlicher Verantwortung als währender Verpflichtung das Wort gesprochen werden; aber eine kritische Anfrage an die einseitige Pflege eines nationalen Selbstbildes, das, gerade in Zeiten von ununterbrochener Migration und täglich scheiternder Integration, vielleicht stärker als je zuvor einen optimistischen und zukunftsträchtigen Inhalt haben müsste. Die abgekühlte, auf jede Affirmation verzichtende, in ständiger Distanzierung zu sich selbst daherkommende deutsche Identität vermag keinen neu Hinzukommenden von sich einzunehmen, vielmehr ist sie dazu angetan jene vielen, die über kurz oder lang keine Integrationsgewinnler mittels Bildung und sozialer Teilhabe geworden sein werden, desinteressiert und teilnahmslos, vielleicht sogar ressentimentgeladen und hasserfüllt ob der vielen enttäuschten Erwartungen an die sie herbeigerufene Aufnahmegesellschaft, im Abseits stehen zu lassen. In was sollte man sich sich integrieren wollen, auf was stolz sein, wenn schon die länger hier Lebenden jedem kollektiv Eigenem mit Entfremdung, nicht selten gar Selbsthass begegnen. Ablehnung, Selbstausgrenzung und Rückzug in die Bindungen der emotionaleren Halt versprechenden heimatlichen Wurzeln – oftmals des Islams – wären die Folge. Eine schuldfixierte, ihr Selbstbild aus unablässiger Selbstkritik ziehende Gesellschaft, die nicht weiß, wer sein will, reproduziert so immerfort, vor allem bei den nach Antworten auf ihr entwurzeltes Sein fragenden Hinzugekommenen jene Ablehnung, die sie unter Inkaufnahme des Verlusts des Eigenen unbedingt verhindern wollte. Wie wenig hilfreich hierbei der oft beschworene Gründungsmythos von Ausschwitz ist, zeigt sich spätestens jetzt:

„Wenn der Islam zu Deutschland und Ausschwitz zur deutschen Identität gehört, dann gehört Ausschwitz zur Identität der Muslime, die zu Deutschland gehören. „ (R. Brandner)

Zuweilen, wenn sich Bürgers Wille über zuviel Unvorhergesehenes und Zugemutetes regt, scheint die Politik zumindest noch zu ahnen, dass Heimat mehr sein kann als der Zufall des Geburtsortes und reagiert – mit der Gründung eines Heimatministeriums. Hilfloser Versuch einer Antwort, die jüngere Politiker wie Habeck bereits gar nicht mehr zu geben fähig sind. Gegenteilige Versuche, den Begriff der Heimat zu retten, ihn zukunftsträchtig und in bewusster Abgrenzung zur allenthalben gepflegten geschichts- und schuldorientierten Norm verstehen zu wollen, müssen, dies zeigen jüngere Beispiele, scheitern. Eben hieraus aber ließe sich, ohne die Unsäglichkeit der konkreten Formulierungen Gaulands und Höckes in Frage zu stellen, eine bedenkenswerte Einsicht finden: in Zeiten von Migration bedarf es mehr denn je eines positiv besetzten nationalen Narrativs. Die sich zunehmend atomisierende Gesellschaft wird zerfallen, der Staat nicht zukunftsfähig sein, wenn dies nicht gelingt. Die regelmäßig aufbrandenden Debatten sind bereits dessen Vorboten.

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Moral zum Tode

„So erscheint der Moralismus als Rettungsanker inmitten der nihilistischen Auflösung der Moderne und dient als Lückenbüßer politischer Rationalität, wo diese ihren maßgeblichen Horizont: das Allgemeinwohl – an abstrakte, pseudotheologische Unbedingtheiten preisgibt und damit die Unterscheidung von Moral und Politik verwirrt: In aller Moral geht es um das Sein des individuellen Subjekts innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft; in der Politik aber um das Handwerk der geschichtlichen Gemeinschaftsbildung, die durch ihre Rechtsverhältnisse allererst die Grundlage für die Verwirklichung von Moralität schafft. Aus der Vermoralisierung des Politischen resultiert dann auch die unrühmliche Rolle der Justiz, durch die Berufung auf allgemeinste Menschenrechte die Entstehung von rechtsfreien Parallelgesellschaften zu legitimieren und durch Hypermoral gegen alle Kritik zu immunisieren. Wo der Bruch der modernen Lebenswelt durch kommunitäre Selbstausgrenzung und emblematisch zur Schau getragenes Abwehrverhalten (Kopftuch, Grußverhalten) mit der Verkehrung der Begriffe von «Toleranz» und «Respekt» verschleiert wird, stellt sich zwangsweise auch die Frage nach der mentalen Verfassung einer Gesellschaft, die ihre Beliebigkeiten unter dem Etikett der «Religion» versteckt. Ein beliebig mit subjektiven Wünschbarkeiten aufblähbarer Begriff der «Menschenwürde» und ihrer «Werte» treibt sich in die Aporie, ihre Erfüllung nur um den Preis der eigenen Selbstvernichtung leisten zu können. Mehr und mehr zeigt sich, daß sich das europäischen Bewußtsein in die Gefahr seiner Selbstauflösung begibt, wo es die geschichtlichen Bedingungen nicht mehr reflektiert, die das konkrete Kulturgut des modernen Rechtsstaates allererst ermöglichen.“

Rudolf Brandner, zitiert nach: https://www.theeuropean.de/rudolf-brandner/13548-der-moralismus-als-rettungsanker

Institutionalisierung der Zerrissenheit und invasive Preisgabe

„Die gängige sozialtheoretische Rede versteht „Integration“ immer nur als sozio-ökonomische Eingliederung in die Gesellschaft und ihre Arbeitsprozesse. Im Hintergund steht die gesellschaftstheoretische Preisgabe des Begriffs der Gemeinschaft, seine Reduktion auf den ahistorischen und atomistischen Begriff der „Gesellschaft“ (Hervorhebung von mir, M. P.) als bloßes Aggregat  von in ökonomischer Produktivität kollabierenden Einzelnen, die eben nichts weiter als Arbeitskräfte – und keine Menschen – sind: ein „Kollektiv“, Zusammengesammeltes. Der Begriff der Gemeinschaft impliziert dagegen eine geschichtliche Synthese, die eine Vielheit von Menschen zu einem Ganzen gemeinschaftlicher Verständnisse eint, das ein jeder als konstitutives Moment seiner Identität an sich hat, d.h. als ein Ethos gemeinschaftlich gelebten Weltverhältnisses lebt. „Akkulturierend“ aber kann eine Gemeinschaft nur kraft der positiven Selbstbejahung ihrer kulturgeschichtlichen Identität wirken; wo sie ihre geschichtliches Selbstbewusstsein verliert, bereitet sie der invasiven Migration das Feld. Ein Land ohne Selbstbewusstsein, ohne kulturgeschichtlichen Inhalt ist eine Territorium zum Gelderwerb: es entspricht dem neoliberalen Ideal einer rein konsumierenden Mehrheit, die sich an inhaltlosen und abstrakten „Werten“ ihren ideologischen Überbau gibt, der keinen Menschen mit wirklichem Leben füllen kann – sowenig wie das intelektuelle Hirngespinst eines „Verfassungspatriotismus“. Akkulturierende Integration ist etwas anderes – die Kraft der Gemeinschaftsbildung durch ein kulturgeschichtliches Selbstbewusstsein, das sie Zuwandernden von seiner menschlichen Wahrheit zu überzeugen weiß.

Im Gegensatz zur gemeinschaftsbildenden Kraft monotheistischer Religionen sind religionsprivative Gesellschaften – wie die europäischen- partikularisierend: Sie zerstäuben in die Vielfalt von Beliebigkeiten, weil sie über keine Einigungskraft mehr verfügen, die alle partikulären Tätigkeiten in einem transzendierenden Begriff menschlichen Daseins zentriert. Nicht der Islam ist die Gefahr Europas sondern der Verlust des eigenen kulturellen und geschichtlichen Selbstbewusstseins, das mit seinen pseudoreligiösen Surrogatwerten über kein ethische Fundament seines Weltverhaltens mehr verfügtalso ohne Akkulturierungsstärke integrationsschwach bleiben muss.

[…]

Migration ist keine notwendige Folge der faktischen Globalisierung, die ohnehin nur die technologische Vereinheitlichung des Globus und seiner Kapitalwirtschaft betrifft, sondern Resultat weltgesellschaftlicher Unverhältnisse, deren revolutionäre Potentiale nach außen abgeführt werden. Der Migrant folgt der impulsiven Imagination önonomischen Verlangens weitgehend besinnungslos über die Implikationen und Konsequenzen seines Handelns; an Identitächswechsel denkt er ebensowenig wie an die Neuordnung seiner geistigen Grundeinstellungen, die als kulturelle Habitualitäten ins Gastland mitimportiert werden und erst dort gesellschaftlich auffällig werden, wo sie sittlich anstößig oder strafrechtlich relevant werden. Zum revolutinären Potential ernötigter Emigration gehört eine elementare Aggressivität gegen die die politischen Verhältnisse der nur widerwillig verlassenen Heimat; aber indem diese in der Fremde zum Ort heimatlich-kultureller Sehnsucht verklärt wird, überträgt sich die Aggressivität des politisch verdrängten Unmuts auf das Gastland, und dies umso mehr, als die Selbstausgrenzung nach ihrer eigenen Legitimation sucht. Durch familiäre Binnensozialisation auf die nachfolgende Generation übertragen, entdeckt die zerrissene Seele daran nun ein günstiges Schema zu ihrer Selbstideologisierung, der die Schuldkultur europäischer Befindlichkeiten mit offenen Armen entgegenrennt: Dankbar nimmt die zerrissene Seele an, erklärt sich zum Opfer von Diskriminierungen, das zu jeder Form des Anklagens legitimiert ist, um seine Ansprüche in Rechte gegenüber der Aufnahmegesellschaft zu transformieren. Der schmerz der Zerrissenheit äußert sich in Wut und Hass und endet in der Verachtung aller Rechtsinstitutionen, von Polizei und Staat, gesellschaftlichen Lebensformen und Sitten, um sich daran selbst das Recht einer mehr oder minder außergesetzlichen Marginalexistenz zu verleihen. Die Selbstausgrenzung findet daran die Legitimationsbasis außergesetzlicher Lebensverhältnisse, die sich in Sozialbetrug, Schwarzarbeit und Korruption, Bandentum und organisierter Clankriminalität alternativgesellschaftlich dissoziieren. Die Reproduktion jener Unverhältnisse, die zur Emigration nötigten, ist in den aufnehmenden europäischen Rechtsstaaten als Import kultureller Habitualitäten eine Frucht jener sich nicht rechtsstaatlich akkulturierenden Selbstausgrenzung, die unter dem Schutzmantel der antidiskriminierenden Gleichschaltung aller kulturellen Eigenheiten jede Bildung in den neuzeitlichen Errungenschaften europäischer Kultur verweigert – sie also nur zu ihrer Selbstlegitimierung missbraucht. 

Indem die europäische Welt den Schwund ihre geschichtlichen Selbstbewusstseins zur Liberalität ihrer Verhältnisse verklärt und als geschichtslose Rechtsgleichheit aller menschen festsetzt, stellt sie selbst den Freibrief aus, alle ihre Grundlagen gegen sich selbst zu kehren. Mit der doppelten Staatsbürgerschaft verleiht sie der zerrissenen Seele auch noch das Attest ihrer Akkulturationsverweigerung als bürgerlichen Rechtsstatus; die gespaltene Identität wird zum legitimen Standard der Integrationsresistenz erklärt, die auf jede Gemeinschaftsbildung verzichtet. Was ist das anders, als das Eingeständnis, das personale Selbstsein eines Menschen nicht mehr orten zu können, mehr noch: darauf zu verzichten, dass er es selbst als Bildungsaufgabe seines Seins übernimmt? Stattdessen werden „Papierdeutsche“ zu doppelten Vorteilsnahmen erzeugt. Die Zerrissenheit der Seele wird zur staatsrechtlich erzeugten Schizophrenie, die im „Weder-noch“ & „Sowohl-als-auch“ keine Identität ausbilden kann, um ihre Lebenswirklichkeit konsistent zu gestalten. Damit aber spaltet sich der Staat selbst und seine Verantwortung, die er nur für einen halben Bürger und für einen ganzen Menschen überhaupt nicht wahrnehmen kann. Es wird dann in der Tat zu einer bloßen Nebensache, ob man den religiösen Symbolen des Islams dieselben Rechte zugesteht wie den christlichen […] und klassische Unterrichtsfächer europäischer Geisteskultur durch Islamunterricht ersetzt werden – wie in Frankreich. Die Akkulturation kehrt sich aus geschichtlicher Kulturschwäche um in eine solche der Aufnahmegesellschaft: Es ist ihre Einwilligung zur invasiven Preisgabe ihrer geschichtlichen Identität, die sie sich im Geschichtsprozess von Jahrtausenden erkämpft hat.“

Rudolf Brandner: Migration und Integration, in: TUMULT, Vierteljahresschrift für Konsensstörung Nr. 04/2017, S. 35-36

Verwandtschaft im Tode

Die gesellschaftlich erfolgreichsten Gleichberechtigungsbewegungen (Feminismus und Homosexualität) müssen mit dem Widerspruch leben, jenen die Aufmerksamkeit zu entziehen, die sich am dringendsten benötigten: Ungeborenen und bald Sterbenden. Der Diskurs um  mehr Gerechtigkeit in unserer bis an die Grenze der Mehrheitsdiskriminierung gehenden egalitaristischen Gesellschaft ist belegt von einer laut tönenden Minderheit und er mutet umso absurder an, bedenkt man seine Erfolge: Je mehr erreicht wird, desto lauter ertönen die Forderungen. Vom Tabubruch der Erwähnung des Wortes „schwul “ in Praunheims Debüt bis zu Volker Becks Konfettikanone und einem Adoptionsrecht in nur 36 Jahren. Die sexuelle Identität ins Grundgesetz einzuschreiben, wäre da nur konsequent, wenngleich ein unabsehbarer Handstreich. Da ein Ende der Anklage erst bei einem völligen Verlust der auf ewiger Differenz beruhenden Geschlechtlichkeit zu erwarten wäre, ist kein Verstummen absehbar. Zumal eine opponierende wertkonservative Identitätspolitik seit dem Tod des Naturrechts zur Sprachlosigkeit verdammt ist.

Gerechtigkeit für alle kann es nicht geben, die Interessen der Lebenden und zum Tode Verurteilten widersprechen sich. Der wahlweise zum Zellhaufen oder zum Embryonalgewebe aus dem Leben bezeichnete Mensch, der nie Leben war und darum nicht leben braucht, ist ein Angriff auf die Unversehrtheit der Frau, die Lust will, ohne mit ihrem Körper dafür zu bürgen; wie auch auf den Homosexuellen, der will, aber nicht kann, wofür ihn die Natur nicht bestimmt hat. Drängt die Frau ihr Kind aus dem Leben, zwängt der Homosexuelle es hinein. Beide spielen Schöpfer und wachen eifersüchtig darüber, nicht gestört zu werden.

Die Alten aber, ohne die es jene lärmenden Zukunftsverweigerer und -erzwinger nie gegeben hätte, stehen still in Ecke. Stumme Betrachter einer Zeit, die nicht mehr die ihre ist. Es sind ihre Kinder, die sich dort aufführen und dafür sorgen, dass man sie vergisst. Sie leben und sind doch nicht. Das verbindet sie mit ihren einstigen Nachkommen.

Das Richtige im Falschen

Mit einem Verweis auf das Konzept der Issue ownership beginnt Christian Stöcker im Spiegel eine Kolumne[1], die wiederholt, was sattsam bekannt ist: dass Parteien „davon profitieren, wenn „ihre“ Themen häufig auf der Agenda stehen, also in der medialen und heute natürlich auch der sozial-medialen Debatte häufig vorkommen.“

Dieser Binse aus der Aufmerksamkeitsökonomie ist mit Blick auf die bundesrepublikanische Parteingeschichte in der Tat schwer zu widersprechen. War die erste Regierungsbeteiligung der Grünen noch der momentanen Katastrophe von Tschernobyl geschuldet, verdanken sie ihren endgültigen Aufstieg von einer Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegung zu einer Volkspartei der unablässigen Chronologie vom Waldsterben zum Klimawandel. Vergleichbar hierzu das Phänomen der Piratenpartei, die nach dem NSA-Affäre 2013 als Projektionsfläche einer von der Politik vernachlässigten Diskussion um Datenschutz und Transparenz in das Parlament zog oder das stets zyklisch auftretende Umfragehoch von Linken und SPD nach Veröffentlichung des aktuellen Armutsberichts oder alljährlicher Steuerdebatten. Parteien und Medien agieren symbiotisch.

Die Frage, warum dieser eigentlich nicht weiter erwähnenswerte Zusammenhang erneut thematisiert wird, erscheint recht bald in Gestalt einer „beunruhigenden“ aktuellen Studie zur UKIP, die auch für die AfD Geltung beanspruchen könne und also selbstanklagend lautet:

 Sind also allein „die Medien“ schuld an der AfD? 

Eine Frage im Gewand eines Urteils. Stöcker verkündet es wie folgt: „Sie tragen zweifellos dazu bei, mit Talkshoweinladungen, exzessiver Berichterstattung über einzelne Straftaten und so weiter.“

Will man diesen Zeilen nicht Hochmut oder eine geradezu groteske Verkennung der Realität zugestehen, indem man Stöcker unterstellt, er führe die Existenz einer Partei maßgeblich auf die Naivität seines Berufsstandes zurück, so bleibt nur, in ihr jenen inzwischen etablierten links-redaktionellen Dünkel zu erkennen, der 2015 eine Willkommenskultur entwarf, die dergestalt nie existierte, zwei Jahre lang in einer weitgehend alternativlosen, in auffälliger Verwandtschaft zum alternativlosen Tonfall regierungsamtlicher Äußerungen stehenden Diktion eine Folge historisch-zäsurhafter Ereignisse im Sinne pragmatisch zu bewältigender Zwischenfälle beschrieb und sich nun, ermüdet von der Routine, die immer gleichen Vorkommnisse kommentieren zu müssen, unwillig einer spannenderen Wirklichkeit zuwendet. So gesehen erweist sich Stöckers Ahnung von einer „Schuld“ der Medien als unfreiwillig richtig.

Stöckers Begründungen werfen indes zwei Fragen auf. Welche unausgesprochene Meinung reserviert er gegenüber einer Partei, die, wie er selber anführt auf Zustimmung eines jeden sechsten Bürgers zählen kann, dass er die Vertretung ihrer Positionen in gesellschaftlich Debatten schlechterdings thematisiert. Erneut ein reichlich unverhohlen ideologisch daherkommender Subtext: Die Talkshoweinladung an AfD-Politiker als Zumutung, ihre Meinung als zu vernachlässigende Stimme im Diskurs der Ernstzunehmenden.

Ideologisch verwandt verhält sich hierzu die beklagte exzessive Berichterstattung über einzelne Straftaten. Setzt ein solcher Befund doch voraus, die (im letzten Jahr) in den Bereichen sexuelle Selbstbestimmung, Rohheit und Gewaltkriminalität durch Zuwanderung deutlich angestiegenen Fallzahlen ebenso wenig zur Kenntnis zu nehmen wie eine allseits beklagte, durch unzählige Einzelfälle dokumentierte Veränderung der öffentlichen Sicherheit – und damit letztlich auch der Freiheit des Einzelnen. Unerträgliche linksmediale Beschwörung: Jeder terroristische Vorfall ein Einzelfall. Tiefgreifende Risse in einer Alltagskultur als zu vernachlässigende Nebenwirkung eines falsch verstandenen issue ownership zu deuten, eben hierin scheint erneut jene anhaltende „Verengung der Blickwinkels“ durch, die von der Otto-Brenner Stiftung vor nicht allzu langer einem Großteil der Medien attestiert wurde.

Gegen Ende wirft Stöcker noch ein Blick auf die Statistik, die Hure der Wissenschaft:

39 Prozent der Deutschen finden die Flüchtlingspolitik „sehr wichtig“, 69 Prozent Gesundheitspolitik und Pflege, 64 Prozent die Renten- und Sozialpolitik. Beim letzteren Thema zum Beispiel sind 67 Prozent mit der Arbeit der Bundesregierung unzufrieden. Womit sollte man auch zufrieden sein, viel ist da ja nicht zu hören. Man muss ja ständig über Flüchtlinge reden. Die Regierung regiert an den Interessen der Regierten vorbei.

Dass immerhin mehr als ein Drittel der Bevölkerung der Flüchtlingskrise weiterhin eine Bedeutung zumisst, sollte erstaunen angesichts der kollektiven Gewöhnung an die nachhaltige administrativen Unfähigkeit der Regierung, Lösungen für ein Problem zu finden, das in seinem Ausmaß in der jüngeren Geschichte seinesgleichen sucht. Dass gleichwohl nicht mehr eine Mehrheit der Bevölkerung willens ist, ihr politisches Interesse einem Thema zu widmen, das seit nunmehr 4 Jahren von einer Partei monopolisiert wird, deren sprachlicher Rabulismus dazu geschaffen ist, Kultivierte trotz inhaltlicher Übereinstimmungen dauerhaft zu distanzieren, ist das eigentlich Bedenkenswerte. Es ist keine zu verwegene Behauptung, dass eine AfD mit zivilerem Auftreten um die 30 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen könnte. Und Gewöhnung und Fügung in die Macht der Umstände sollten nicht auf etwaige Akzeptanz schließen lassen – wie wiederum Umfragen zeigen: Zwei Drittel  der Deutschen sprechen sich absolut oder eher für geschlossene Grenzen und gegen das aktuelle Bleiberecht aus; ([2]) die Mehrheit der Deutschen wünscht sich einen Untersuchungsausschuss zur Flüchtlinskrise ([3]). Und jeder zweite Deutsch glaubt mittlerweile nicht mehr, dass „Deutschland es schafft.“ ([4]) Insofern trifft Stöckers Fazit ungewollt einen wahren Kern: Die Regierung regiert an den Interessen der Regierten vorbei.

Zum Schluss der Kolumne wird auf ein sozialpsychologisches Experiment Serge Moscovicis verwiesen, um die Strategie der maximalen Aufmerksamkeitsüberzeugung rechtspolpulstischer Minderheiten wie der AfD zu entdecken:

In dem Experiment sahen die Versuchspersonen eine Reihe von Dias in unterschiedlichen Blautönen. Bei jedem Dia sollten sie laut die Farbe benennen. In einer Gruppe platzierten Moscovici und seine Kollegen jeweils zwei Personen, die statt blau immer „grün“ sagten. Und siehe da: In mehr als acht Prozent der Fälle nannten nun auch nicht eingeweihte Versuchspersonen die blauen Dias „grün“.

Der Bürger als nicht eingeweihter Versuchspartner? Die Regierung Merkel als wissentlich dagegen Redende. Übertragen auf das regierungsamtliche Handeln seit nunmehr drei Jahren erweist sich diese Übertragung erneut als unbeabsichtigt richtig.

 

[1] http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/fluechtlingsdebatte-das-geheimnis-der-schreienden-zwerge-a-1221567.html

[2] https://www.stern.de/politik/deutschland/umfrage–zwei-von-drei-deutschen-lehnen-merkels-fluechtlingspolitik-ab-8124758.html

[3] https://www.cicero.de/innenpolitik/bamf-affaere-untersuchungsausschuss-fluechtlingskrise-bundesregierung-afd

[4] (https://www.infratest-dimap.de/index.php?eID=tx_cms_showpic&file=11280&md5=e02c6a8911db972571ceb4af805a94dd19cb311c&parameters%5B0%5D=YTo0OntzOjU6IndpZHRoIjtzOjQ6IjgwMG0iO3M6NjoiaGVpZ2h0IjtzOjM6IjYw&parameters%5B1%5D=MCI7czo3OiJib2R5VGFnIjtzOjQyOiI8Ym9keSBiZ0NvbG9yPSIjZmZmZmZmIiBz&parameters%5B2%5D=dHlsZT0ibWFyZ2luOjA7Ij4iO3M6NDoid3JhcCI7czozNzoiPGEgaHJlZj0iamF2&parameters%5B3%5D=YXNjcmlwdDpjbG9zZSgpOyI%2BIHwgPC9hPiI7fQ%3D%3D)

Sehen lernen

Dass in unserem Zeitalter der Bilder die Wirklichkeit zunehmend konsumierbar geworden ist, fällt kaum mehr auf. Einen seiner reduktivsten Zugriffe vollstreckt die Pornographie, die die ewig fragende Sehnsucht nach lustvoller Bejahung im seriellen Bild zum Schweigen bringt. Eine traurige Wahrheit ist, dass das totgestöhnte Schweigen in diesem Land vergleichslos laut hallt (1). Welcher deutsche Mann kann einer schönen Frau heute noch absichtslos in die Augen schauen? Wenn aber der Blick des Mannes auf die Frau gleichsam kollektiv konditioniert ist, steht die Frage nach der Wahrheit von Jesu Empfehlung „Ich aber sage Euch: „Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ vielleicht stärker auf als je zuvor.

Könnte nicht eine Wahrheit Jesu darin bestehen, vor eben jenem Gedanken zu bewahren, dessen Ursprung nicht erst der ersehnte fremde Koitus als die bereits lustvoll duldende Anwandlung seiner Ahnung ist. Weniger Lustfeindschaft als die sanfte Umsicht des Vaters, seinem Sohn jene Erfahrung zu ersparen, deren Le(e)(h)re immer schon feststand: die Tat ist so falsch wie die Ahnung von ihr. Somit weniger Drohbotschaft als ein Ideal der Reinheit, desssen scheiternde Umsetzung immer schon bejaht ist, weil das Gute allein in der ständigen Bewährung zu erlangen ist. Überforderung als Bedingung.
Dies hieße dann, neu sehen zu lernen. Reine Achtsamkeit als immerwährende Übung. Allein, welcher Mann könnte dies. Sogar den treuesten wäre zu unterstellen, dass das Wagnis ihres Blickes stets auch jenem melancholischen Phantomschmerz geschuldet ist, einer Frau nie wieder die Welt zu Füßen legen zu können.
Kann es eine Sinnlichkeit des Blickes aussehen, die nicht dem Dogma der Leibfeindlichkeit noch reiner Gier verfällt? Zart, wachsam, dabei  nicht steril. Eine Antwort fällt schwer. Dem Islam ist dieser Spagat nicht gelungen, dem Westen gelingt er immer seltener. Der tristen Feigheit der Burka entspricht die traurige Routine der Onanie, der blinden Selbstbespiegelung mechanisch Abtreibender der inspizierende Ausblick auf die im Besitz Befindliche(n).
Beides Symptome ausgebliebener Sublimierung und währende Mahnung, dass die Wahrheit von Jesu Satz stets neu errungen werden muss. Der rechte Blick als Herzensbildung. Auch diese eine Art Nachfolge.
(1) https://www.netzsieger.de/ratgeber/internet-pornografie-statistiken)